Diese Studie hat mich beim Lesen erst schmunzeln und dann nachdenken lassen. Forschende der Stanford University, der University of California und der University of Southern California haben unter Leitung von Michael Blank untersucht, was Menschen eigentlich mit der Zeit machen, die ihnen künstliche Intelligenz einspart. Die Antwort ist unangenehm ehrlich: Sie scrollen.
Wie wurde gemessen?
Das ist der Punkt, der die Studie stark macht. Es wurde nicht gefragt, sondern gemessen. Ausgewertet wurde das reale Surfverhalten von über 200.000 US-Haushalten im Zeitraum 2021 bis 2024, auf Basis anonymisierter Web-Traffic-Daten. Bei Umfragen zur eigenen Mediennutzung schummeln Menschen bekanntlich — nicht aus Bosheit, sondern weil niemand ehrlich einschätzen kann, wie lange er heute im Feed hing. Diese Fehlerquelle fällt hier weg.
Die Zahlen
- 76 bis 176 Prozent Produktivitätsgewinn bei Aufgaben, die mit KI-Unterstützung erledigt wurden.
- Keine Reduktion der gesamten Bildschirmzeit — sie blieb praktisch konstant.
- 31 Prozentpunkte mehr Anteil digitaler Freizeit bei ChatGPT-Nutzenden — und im Gegenzug 21 Prozentpunkte weniger Anteil auf produktiven Seiten.
- Deutlich höhere Nutzung bei 18- bis 34-Jährigen und in Haushalten mit über 100.000 US-Dollar Jahreseinkommen.
Die Arbeit stammt von Michael Blank, Gregor Schubert und Miao Ben Zhang und ist als Working Paper des Stanford Institute for Economic Policy Research veröffentlicht — nachlesbar, nicht nur Pressemitteilung.
Übersetzt: Wer die Steuererklärung oder den lästigen Schriftverkehr an ChatGPT abgibt, gewinnt tatsächlich Zeit. Die läuft dann aber nicht in den Garten, ins Ehrenamt oder in einen früheren Feierabend, sondern in TikTok und Instagram.
Was wir davon halten
Wir bei Media Nord sehen darin keine Anklage gegen Nutzer und schon gar nicht gegen KI. Wir sehen ein organisatorisches Problem, das in Betrieben genauso auftritt wie im Privatleben.
Ehrlich gesagt halte ich das für den am meisten unterschätzten Punkt bei KI-Einführungen. Fast jedes Projekt, das wir begleiten, wird mit einem Zeitargument gerechtfertigt: „Das spart uns zwei Stunden pro Woche.“ Und fast nie steht daneben, was mit diesen zwei Stunden passieren soll. Ohne diese zweite Hälfte der Rechnung verschwindet der Gewinn — nicht in TikTok, aber in längeren Kaffeepausen, in Mails, die man vorher als Zeitverschwendung erkannt hätte, in Meetings, die sich ausdehnen, weil Zeit da ist.
Unser Tipp aus der Praxis: Schreiben Sie die gewonnene Zeit vorher fest. Zwei Stunden weniger Angebotsschreiben heißt zum Beispiel: zwei Kundenbesuche mehr pro Woche. Oder: der Azubi bekommt endlich seine Einarbeitungsstunde. Oder ganz bewusst: alle gehen freitags eine Stunde früher. Alle drei sind legitim — was nicht funktioniert, ist die Zeit einfach freizugeben und zu hoffen.
Der unangenehme Nebenbefund
Blank weist darauf hin, dass die Nutzung sehr ungleich verteilt ist: jünger, gebildeter, wohlhabender. Wenn KI die Produktivität derer erhöht, die ohnehin vorn liegen, verschärft sie bestehende Unterschiede. Für den Mittelstand heißt das schlicht: Wer das Thema aussitzt, sitzt nicht neutral da, sondern fällt relativ zurück. Das ist kein Alarmismus, das ist Arithmetik.
Häufige Fragen
Bedeutet die Studie, dass KI nichts bringt?
Nein, im Gegenteil. Der Produktivitätsgewinn pro Aufgabe ist erheblich und gut belegt. Die Studie zeigt nur, dass der Gewinn nicht automatisch dort ankommt, wo man ihn haben wollte.
Gelten die Zahlen auch für Deutschland?
Untersucht wurden US-Haushalte. Die Mechanik — gesparte Zeit fließt in den Weg des geringsten Widerstands — ist aber nicht kulturspezifisch. Wir würden die Größenordnung nicht eins zu eins übertragen, die Richtung schon.
Wie messe ich im eigenen Betrieb, ob KI etwas bringt?
Nicht über gefühlte Zeitersparnis, sondern über eine Ergebnisgröße: Angebote pro Woche, Durchlaufzeit einer Anfrage, Zeit bis zur ersten Kundenantwort. Wenn sich dort nichts bewegt, ist die eingesparte Zeit versickert.
Sollten wir private Handynutzung im Betrieb einschränken?
Davon halten wir wenig. Das Problem ist nicht das Handy, sondern die fehlende Antwort auf die Frage, wofür die freie Zeit da ist. Kontrolle ersetzt keine Zielsetzung.
Wir schauen uns weiter an, welche Studien zum tatsächlichen Nutzen von KI im Arbeitsalltag erscheinen — und melden uns, wenn belastbare Zahlen für den deutschen Mittelstand dabei sind.
Quellen
- https://t3n.de/news/stanford-studie-chatgpt-zeitersparnis-tiktok-1758268/
- https://siepr.stanford.edu/publications/working-paper/household-impact-generative-ai-evidence-internet-browsing-behavior
- https://arxiv.org/pdf/2603.03144
- https://news.stanford.edu/stories/2026/08/gen-ai-chatgpt-class-age-demographics
- https://www.gsb.stanford.edu/insights/genai-divide-whos-using-chatgpt-save-time-home
- https://siepr.stanford.edu/news/artificial-intelligence-productivity-home-inequality
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