Wir tippen inzwischen ziemlich viel in Chatfenster. Angebotstexte, Krankheitssymptome, Streit mit dem Vermieter, Bewerbungsschreiben, den Umsatz vom letzten Quartal. Selten macht man sich dabei klar, dass daraus über Monate ein ziemlich vollständiges Bild entsteht. Der Schweizer Anbieter Proton hat dazu jetzt ein kostenloses Werkzeug veröffentlicht: AI Paper Trail. Es wertet Ihre eigenen Chatverläufe aus und zeigt Ihnen, was sich daraus über Sie ableiten lässt.

Wer ist Proton überhaupt?

Proton ist ein Anbieter aus der Schweiz, den viele über Proton Mail kennen — verschlüsselte E-Mail, die Firma positioniert sich seit Jahren als Gegenentwurf zu den großen US-Konzernen. Das Tool gehört zum Umfeld ihres eigenen KI-Assistenten Lumo. Man sollte fairerweise dazusagen: Proton hat ein geschäftliches Interesse daran, dass Ihnen beim Blick in Ihre ChatGPT-Daten mulmig wird. Das macht das Werkzeug nicht schlechter, man sollte es aber wissen.

Wie funktioniert der Test?

Der Ablauf ist unspektakulär, dauert aber ein paar Tage — das liegt nicht an Proton, sondern an den Anbietern.

  • Schritt 1: Bei ChatGPT unten links auf das eigene Profil klicken, dann Einstellungen öffnen und den Punkt Datenkontrolle auswählen. Dort auf „Daten exportieren“ gehen.
  • Schritt 2: Warten. Der Export wird Ihnen per E-Mail zugeschickt, teils erst nach ein paar Tagen. Bei Claude läuft es sinngemäß genauso über die Datenschutzeinstellungen.
  • Schritt 3: Die ZIP- oder JSON-Datei im Browser bei AI Paper Trail hochladen — pro Durchgang jeweils einen Dienst.
  • Schritt 4: Auswertung lesen.

Was bekommt man zu sehen?

Das Ergebnis ist ein Bericht mit mehreren Bausteinen: eine Einstufung, wie Sie mit Ihrer Privatsphäre umgehen, ein Exposure-Score von 0 bis 100 als Maß dafür, wie viel Sie preisgegeben haben, und eine Aufschlüsselung nach Kategorien — Identität, Gewohnheiten, Beziehungen, Interessen. Dazu kommt eine Schätzung, welchen Geldwert diese Daten am Markt hätten, und eine Übersicht der Schlüsse, die sich aus Ihren Chats ziehen lassen: Beruf, Gesundheitsthemen, Ernährung, Lebenssituation.

Der t3n-Autor, der es ausprobiert hat, kam mit seinem privaten Konto auf 31 von 100 Punkten und wurde als „schwer lesbar“ eingestuft. Bei einem Testkonto, in dem er sich zu einem Halbmarathon hatte beraten lassen, schlug das Tool dagegen bei mehreren sensiblen Datenpunkten an.

Was wir davon halten

Ehrlich gesagt: Der Zahlenwert selbst ist mir ziemlich egal. Ein Score von 31 oder 74 sagt für sich genommen wenig aus, und der geschätzte „Datenwert in Dollar“ ist eher ein Marketing-Element als eine belastbare Größe. Der eigentliche Nutzen liegt woanders — nämlich in dem Moment, in dem man die Liste der abgeleiteten Rückschlüsse liest und denkt: „Stimmt, das habe ich mal nebenbei erwähnt.“ Genau dieser Aha-Effekt ist es wert, den Test zu machen.

Zwei Grenzen sollte man dabei kennen. Erstens sieht das Tool ausschließlich das, was in Ihrem Export steht. Was ein Anbieter intern gespeichert, verknüpft oder für Trainingszwecke verwendet hat, lässt sich von außen nicht überprüfen — auch Proton kann das nicht. Zweitens, und das ist der Punkt, an dem wir aufmerksam werden: Sie laden Ihre gesammelten Chats bei einem weiteren Unternehmen hoch. Proton gibt an, die Dateien direkt nach der Analyse zu löschen und nicht zu speichern. Das ist glaubwürdig und passt zum Geschäftsmodell — aber es bleibt eine Zusage, die Sie nicht nachprüfen können.

Wichtig für Unternehmen: nicht mit dem Firmenkonto

Hier wird es für unsere Kunden konkret. Ein Chatverlauf aus einem betrieblich genutzten Konto enthält typischerweise Dinge, die dort nicht heraussollen: Kundennamen, Angebotssummen, Vertragsentwürfe, Bewerbungsunterlagen, interne Zahlen. Ein solcher Export ist keine Privatangelegenheit mehr, sondern eine Sammlung personenbezogener Daten Dritter — und die laden Sie nicht auf einer fremden Plattform hoch, so sympathisch der Anbieter auch sein mag.

Unser Tipp aus der Praxis: Machen Sie den Test mit Ihrem privaten Konto, um ein Gefühl dafür zu bekommen. Und ziehen Sie dann die betriebliche Konsequenz daraus.

Drei Regeln, die in jedem Betrieb stehen sollten

  • Keine Kundendaten, Personaldaten oder Zugangsdaten ins offene Chatfenster. Wenn ein Fall es wirklich erfordert, dann anonymisiert — Namen raus, Beträge gerundet.
  • Trainingsnutzung abschalten, wo es geht. In den Einstellungen der meisten Anbieter lässt sich unterbinden, dass die eigenen Eingaben zur Modellverbesserung genutzt werden. Das ist ein Häkchen und in fünf Minuten erledigt.
  • Für betriebliche Nutzung ein Geschäftskonto verwenden. Die Business-Tarife haben in der Regel andere, klarere Bedingungen zur Datenverwendung als die kostenlosen Zugänge.

Häufige Fragen

Kostet das Tool etwas?

Nein, AI Paper Trail ist kostenlos nutzbar. Unterstützt werden derzeit ChatGPT und Claude, weitere Dienste sollen folgen.

Löscht das Tool meine Daten bei ChatGPT?

Nein. Es analysiert nur eine Kopie. Löschen müssen Sie in den Einstellungen des jeweiligen Anbieters selbst — dort finden Sie auch die Verwaltung des Chat-Gedächtnisses.

Brauche ich das überhaupt, wenn ich KI nur beruflich nutze?

Den Test vielleicht nicht. Die Frage dahinter schon: Wenn sich aus ein paar Monaten Chatverlauf ein derart genaues Bild einer Person ableiten lässt, dann gilt das für Ihre Kundendaten genauso.

Unser Fazit

AI Paper Trail ist kein Sicherheitswerkzeug, sondern ein Spiegel — und als solcher ziemlich wirksam. Wir würden ihn nutzen wie einen Sehtest: einmal machen, kurz erschrecken, danach bewusster tippen. Der eigentliche Gewinn für einen Betrieb entsteht aber erst danach, wenn aus dem Aha-Moment eine einfache, schriftliche Regel wird, die das ganze Team kennt.

Quellen


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