Eine Frage, die uns in Gesprächen mit Betrieben inzwischen fast jede Woche begegnet: Sollen die Azubis eigentlich ChatGPT benutzen dürfen? Die ehrliche Antwort war lange „kommt drauf an“. Inzwischen gibt es Zahlen, und die machen die Antwort deutlich präziser.

Der Befund: bessere Aufgaben, schlechtere Prüfungen

Die bislang gründlichste Untersuchung stammt aus Zentralchina. Forschende haben 30 Monate lang Daten von über 26.000 Schülerinnen und Schülern der Klassen 7 bis 12 ausgewertet — ein Zeitraum, in dem die KI-Nutzung von praktisch null auf rund 80 Prozent hochschoss.

  • Die Hausaufgabennoten stiegen um 18 Prozent.
  • Die Bearbeitungszeit sank von 64 auf 45 Minuten.
  • In beaufsichtigten Klausuren — also ohne KI — fielen dieselben Schüler um rund 20 Prozent ab.
  • Bei Aufnahmeprüfungen betrug der Rückstand 18 bis 24 Prozent.

Bemerkenswert ist der zeitliche Verlauf: Der volle Schaden zeigte sich erst nach etwa zwei Jahren. Kurzfristig sah alles nach Fortschritt aus.

Und was passiert dabei im Kopf?

Dazu hat das MIT Media Lab gemeinsam mit dem Wellesley College geliefert. In der Studie „Your Brain on ChatGPT“ schrieben 54 Studierende über vier Monate Essays — eine Gruppe mit Sprachmodell, eine mit Suchmaschine, eine ganz ohne Hilfsmittel. Gemessen wurde per EEG, also über die Hirnströme.

Die KI-Gruppe zeigte durchgehend die schwächste neuronale Vernetzung. Sie fühlte sich am wenigsten als Urheber der eigenen Texte. Und — der Befund, der mir am meisten zu denken gibt — sie konnte hinterher aus dem selbst abgegebenen Essay nicht korrekt zitieren. Der Text war entstanden, aber er war nie durch den Kopf gegangen.

Der entscheidende Lichtblick

Jetzt kommt der Teil, der in den meisten Schlagzeilen untergegangen ist — und der für die Praxis der wichtigste ist. Nicht alle KI-Nutzer schnitten schlecht ab. Die Teilnehmenden, die zuerst ohne Hilfsmittel gearbeitet und das Sprachmodell erst danach hinzugezogen hatten, zeigten deutlich bessere Erinnerungswerte und eine stärkere Hirnaktivität.

Es ist also nicht das Werkzeug, das schadet. Es ist die Reihenfolge.

Was wir Betrieben daraus empfehlen

Wir bei Media Nord arbeiten selbst jeden Tag mit KI, insofern schreiben wir das hier nicht aus einer Position der Skepsis. Aber wir haben aus diesen Studien eine Regel abgeleitet, die wir inzwischen weiterempfehlen:

Erst der eigene Entwurf, dann die KI

Wer jemanden einarbeitet oder in ein neues Thema bringt, lässt zuerst eine eigene Fassung entstehen — handschriftlich, stichwortartig, unfertig, völlig egal. Erst danach kommt die KI ins Spiel: prüfen, ergänzen, umformulieren, Gegenargumente suchen. Der Lerneffekt entsteht im ersten Schritt, die Qualität im zweiten.

Unterscheiden Sie Lernaufgaben von Arbeitsaufgaben

Das ist der Punkt, an dem viele Diskussionen entgleisen. Wenn eine erfahrene Kollegin ein Angebot formuliert, das sie schon hundertmal geschrieben hat, darf die KI gern übernehmen — hier ist nichts mehr zu lernen, hier zählt Tempo. Wenn ein Azubi zum ersten Mal eine Reklamation beantwortet, ist genau das Gegenteil richtig. Klären Sie im Team, welche Aufgabe gerade welche ist.

Messen Sie nicht das Ergebnis, sondern das Verstehen

Die chinesischen Forscher empfehlen, weniger auf Hausaufgabennoten und mehr auf beaufsichtigte Leistungen zu schauen. Übersetzt in den Betriebsalltag: Lassen Sie sich das Ergebnis kurz mündlich erklären. Wer eine Sache in eigenen Worten erklären kann, hat sie verstanden — und diese Prüfung kostet zwei Minuten.

Unser Fazit

Ehrlich gesagt halte ich die verbreitete Frage „KI erlauben oder verbieten?“ für die falsche. Verbote sind weder durchsetzbar noch sinnvoll — die Werkzeuge gehören zum Arbeitsalltag, und wer sie nicht beherrscht, hat später ein anderes Problem. Die produktive Frage lautet: An welcher Stelle im Ablauf kommt die KI dazu?

Kommt sie am Anfang, ersetzt sie das Denken. Kommt sie am Ende, verstärkt sie es. Dieser eine Unterschied entscheidet darüber, ob Ihre Leute in zwei Jahren mehr können als heute — oder weniger.

Quellen


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