Wir sitzen hier in Stuhr bei Bremen, also mitten im niederdeutschen Sprachraum. Wenn also die Frage aufkommt, ob Künstliche Intelligenz das Plattdeutsche retten kann, ist das für uns keine ferne Kuriosität — sondern eine Meldung aus der Nachbarschaft. Und ich finde: Sie erzählt nebenbei die ehrlichste Geschichte über die Grenzen von KI, die ich in letzter Zeit gelesen habe.
Was passiert da gerade im Norden?
Zwei Einrichtungen arbeiten konkret daran, kleine Sprachen digital am Leben zu halten.
Die Ferring Stiftung auf Föhr hat Anfang 2025 einen KI-Übersetzer für das Föhrer Friesisch gestartet, den „Fering Auersaater“. Trainiert wurde er mit rund 20.000 Sätzen. Heute liefert er etwa 2.000 Übersetzungen im Monat.
Das Plattdüütskbüro der Ostfriesischen Landschaft in Aurich übersetzt Texte ins ostfriesische Niederdeutsch, betreibt die Lern-App „PlattinO“ mit über 125.000 Downloads und ein Online-Wörterbuch, das inzwischen rund 16 Millionen Übersetzungsanfragen verzeichnet hat.
Das sind für eine Regionalsprache beachtliche Zahlen. Es gibt also Nachfrage — und es gibt Menschen, die daran arbeiten.
Und funktioniert es?
Teilweise. Und hier wird es lehrreich.
Wer ein allgemeines Sprachmodell wie ChatGPT bittet, Plattdeutsch zu schreiben, bekommt Merkwürdiges: Dasselbe Wort taucht innerhalb eines einzigen Textes in verschiedenen Schreibweisen auf. Auch der Föhrer Übersetzer liefert nach Angaben der Stiftung noch stark schwankende Ergebnisse.
Der Grund ist banal und deshalb so aufschlussreich: Es gibt zu wenig Text. Ein Sprachmodell lernt, indem es riesige Textmengen verarbeitet. Für Englisch stehen Milliarden Sätze im Netz. Für Plattdeutsch, und erst recht für Föhrer Friesisch, ist es ein winziger Bruchteil davon. Dazu kommt, dass grammatische Formen — Beugungen, Fälle — für kleine Sprachen oft gar nicht systematisch erfasst sind.
Was die Fachleute selbst sagen
Bemerkenswert finde ich, wie nüchtern die Beteiligten bleiben. Hauke Heyen von der Ferring Stiftung sagt, die KI könne „nur ein Baustein“ sein — entscheidend seien Menschen, die die Sprache tatsächlich sprechen. Grietje Kammler vom Plattdüütskbüro nennt 99 Prozent Genauigkeit als Ziel und macht damit klar, wie weit der Weg noch ist.
Ehrlich gesagt halte ich diese Haltung für vorbildlich. Da verspricht niemand, dass ein Modell eine Sprache rettet. Es wird als Werkzeug behandelt, das eine Gemeinschaft unterstützt — nicht ersetzt.
Was das mit Ihrem Unternehmen zu tun hat
Sehr viel, auch wenn Sie kein Wort Platt sprechen. Der Mechanismus dahinter ist nämlich exakt derselbe, den wir bei Kunden ständig sehen:
KI ist so gut wie die Datenmenge zu Ihrem Thema. Bei allgemeinen Themen — Werbetexte, E-Mail-Formulierungen, Zusammenfassungen — ist sie stark, weil es davon Millionen Beispiele gibt. Je spezieller Ihr Fachgebiet wird, desto dünner die Datenlage. Und desto häufiger füllt die KI Lücken mit Erfundenem, das gut klingt.
Konkrete Beispiele aus der Praxis: eine Branchennorm, die kaum online dokumentiert ist. Ein Nischenprodukt mit zwanzig Herstellern weltweit. Ihre internen Fachbegriffe. Regionale Vorschriften. Genau da wird es wackelig — und dummerweise merkt man es dem Text nicht an.
Unser Tipp aus der Praxis
- Trennen Sie Standard von Spezial. Für Formulierungen, Struktur und Entwürfe können Sie KI weitgehend frei laufen lassen. Bei Fachinhalten prüft ein Mensch mit Sachkenntnis.
- Geben Sie eigenes Wissen mit. Wer der KI die eigenen Unterlagen, Preislisten oder Normtexte direkt mitgibt, bekommt deutlich verlässlichere Ergebnisse als bei einer Frage ins Blaue.
- Testen Sie mit einer Frage, deren Antwort Sie kennen. Das ist der schnellste Realitätscheck für jedes KI-Werkzeug — und dauert zwei Minuten.
Häufige Fragen
Kann KI eine Sprache wirklich retten?
Allein nicht. Sie kann Übersetzen und Lernen erleichtern. Ob eine Sprache überlebt, entscheidet sich daran, ob sie gesprochen wird.
Warum ist ChatGPT bei Plattdeutsch so unzuverlässig?
Weil es kaum Trainingstexte gibt und Schreibweisen regional stark abweichen. Ein Spezialmodell für eine einzelne Mundart schneidet besser ab als ein Allzweckmodell.
Gilt das auch für andere Nischenthemen?
Ja, das ist der Kern. Datenarmut führt zu Unzuverlässigkeit — egal ob es um eine Regionalsprache oder um eine seltene Maschinennorm geht.
Wir behalten im Blick, wie sich Sprachmodelle für Nischen und Regionalsprachen entwickeln, und sagen Bescheid, wenn es hier im Norden Neues gibt.
Quellen
- https://www.heise.de/news/Kann-Kuenstliche-Intelligenz-kleine-Sprachen-retten-11404110.html
- https://www.nord24.de/niedersachsen/kann-kuenstliche-intelligenz-kleine-sprachen-retten-400541.html
- https://www.gn-online.de/niedersachsen/kann-kuenstliche-intelligenz-kleine-sprachen-retten-618649.html
- https://www.mind-verse.de/news/kuenstliche-intelligenz-erhalt-bedrohte-sprachen
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