Es gibt Zahlen, die man einmal liest und dann noch einmal, weil man sich verlesen zu haben glaubt. Diese hier gehört dazu — und sie hat für jeden Betrieb, der gerade über Automatisierung nachdenkt, eine sehr handfeste Konsequenz.
Was ist passiert?
OpenRouter ist ein Vermittlungsdienst: Firmen schicken ihre Anfragen nicht direkt an OpenAI oder Anthropic, sondern über OpenRouter, das die Anfrage an das jeweils passende Modell weiterleitet. Dadurch sitzt der Anbieter auf einem seltenen Datenschatz — er sieht, wofür KI in der Praxis tatsächlich genutzt wird.
Ausgewertet wurden über 450 Billionen Token aus den eigenen Protokollen zwischen Januar und Mitte Juni 2026. Das Ergebnis: Der Verbrauch durch KI-Agenten liegt inzwischen rund fünfmal höher als der durch direkte menschliche Nutzung. Die Gleichstandsmarke wurde bereits Anfang Februar überschritten.
Kurz erklärt: Token und Agenten
Ein Token ist die Abrechnungseinheit der KI-Welt — grob ein Wortteil. Jede Anfrage und jede Antwort wird in Token zerlegt und danach bezahlt. Wer eine KI nutzt, kauft im Grunde Token.
Ein KI-Agent ist ein Programm, das nicht eine Frage beantwortet, sondern eine Aufgabe erledigt: „Lies diese E-Mail, hol die Kundendaten aus dem System, erstelle ein Angebot, prüfe es gegen die Preisliste.“ Vier Schritte statt einem.
Warum das so viel mehr verbraucht
Und genau hier liegt der Kostentreiber. Bei jedem einzelnen Schritt schickt der Agent den bisherigen Verlauf noch einmal komplett mit — sonst wüsste das Modell nicht mehr, worum es ging. Schritt vier trägt also den Inhalt der Schritte eins bis drei mit sich herum.
In Zahlen: Eine agentische Anfrage verbraucht etwa das Fünfzehnfache einer normalen Nutzerfrage. Seit Februar ist die Nutzung durch Agenten um rund das Vierzehnfache gestiegen — die durch Menschen nur um das 2,8-Fache.
Zwischenspeicherung dämpft das inzwischen deutlich; 86 Prozent des agentischen Verbrauchs laufen darüber. Das senkt die Rechnung, verlagert den Bedarf aber auf schnellen Arbeitsspeicher. Nebenbei ist das einer der Gründe, warum Speicherpreise gerade anziehen — und warum das am Ende sogar bei den Preisen für Notebooks und Smartphones ankommen könnte.
Was heißt das für einen Betrieb mit fünfzehn Leuten?
Ehrlich gesagt halten wir das für die derzeit am meisten unterschätzte Fehlerquelle bei KI-Projekten im Mittelstand — und wir sehen sie regelmäßig.
Der typische Ablauf: Jemand testet eine Idee im Chatfenster, ist begeistert, rechnet grob hoch („kostet ja fast nichts pro Anfrage“) und lässt daraus einen automatisierten Ablauf bauen. Vier Wochen später kommt eine Rechnung, die um den Faktor zehn bis fünfzehn danebenliegt. Nicht weil jemand geschludert hätte, sondern weil in der Hochrechnung der Preis eines einzelnen Chats stand, in der Realität aber ein vielstufiger Agent lief.
Unser Tipp aus der Praxis
- Nie ohne Kostenzähler starten. Alle gängigen Anbieter zeigen den Verbrauch je Vorgang an. Zwei Wochen Testlauf mit echten Daten sagen mehr als jede Schätzung.
- Harte Budgetobergrenze setzen. Ein Agent in einer Schleife kann über Nacht erstaunliche Summen verbrennen. Ein Limit im Anbieterkonto kostet nichts.
- In Kosten pro Vorgang denken, nicht in Kosten pro Anfrage. „Was kostet uns ein bearbeitetes Angebot?“ ist die richtige Frage — und sie lässt sich sauber gegen die Arbeitszeit rechnen, die eingespart wird.
- Nicht jede Aufgabe braucht das größte Modell. Für Sortieren, Kategorisieren und Zusammenfassen reichen kleinere, deutlich günstigere Modelle völlig aus.
- Kontext kurz halten. Je weniger Ballast ein Agent bei jedem Schritt mitschleppt, desto günstiger wird er. Das ist eine Frage sauberer Einrichtung, nicht des Budgets.
Wir wollen das ausdrücklich nicht als Warnung vor Agenten verstanden wissen. Ein gut gebauter Ablauf, der täglich zwanzig E-Mails vorsortiert und Angebote vorbereitet, rechnet sich in aller Regel deutlich — auch beim Fünfzehnfachen an Token. Er rechnet sich nur eben anders, als es die erste Bierdeckelkalkulation nahelegt.
Häufige Fragen
Sind KI-Agenten damit zu teuer für kleine Betriebe?
Nein. Entscheidend ist der Vergleich mit der eingesparten Arbeitszeit, nicht die absolute Höhe der Rechnung. Nur muss man beide Seiten kennen.
Wie erkenne ich vorab, was ein Ablauf kosten wird?
Am zuverlässigsten über einen befristeten Testlauf mit echten Daten und aktivierter Verbrauchsanzeige. Schätzungen aus dem Chatfenster sind systematisch zu niedrig.
Hilft ein Pauschaltarif?
Die Abo-Tarife der Anbieter gelten für die Nutzung durch Menschen. Automatisierte Abläufe laufen über die Programmierschnittstelle und werden nach Verbrauch abgerechnet — das sind zwei verschiedene Töpfe.
Warum steigen dadurch Speicherpreise?
Zwischenspeicherung braucht sehr schnellen Arbeitsspeicher. Die Hersteller verlagern ihre Fertigung dorthin, was das Angebot in anderen Bereichen verknappt.
Unser Fazit
Wir bei Media Nord lesen aus dieser Auswertung vor allem eines: Die Branche verschiebt sich von „Mensch fragt KI“ zu „Software beauftragt KI“. Das ist die eigentliche Nachricht. Für Ihren Betrieb heißt das nicht, vorsichtiger zu werden — sondern genauer zu rechnen, bevor der Dauerbetrieb startet.
Quellen
- https://t3n.de/news/ki-agenten-5-mal-mehr-token-als-menschen-1759535/
- https://the-decoder.com/ai-is-becoming-ais-biggest-customer-as-agentic-token-usage-jumps-14x-on-openrouter/
- https://ppc.land/agents-burn-5x-more-tokens-than-humans-as-zapier-traffic-drops/
- https://www.saastr.com/agents-just-passed-humans-in-token-usage-and-they-burn-far-more-than-anyone-budgeted-a-deep-dive-with-openrouters-coo/
- https://onlinemarketing.de/technologie/studie-ai-agents-ueberholen-menschen-bei-ki-nutzung
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