Es gibt Zahlen, die man einmal sacken lassen muss. Neun von zehn professionellen Entwicklerinnen und Entwicklern arbeiten inzwischen mindestens wöchentlich mit einem KI-Agenten. Mehr als zwei Drittel täglich. Das ist keine Prognose und kein Anbieter-Werbeblatt, sondern das Ergebnis einer Befragung von 15.509 Personen zwischen Mai und Juli 2026.
Wer fragt da eigentlich?
Die Erhebung stammt von JetBrains — einem Unternehmen, das Werkzeuge für Programmierer herstellt und diese Umfrage seit vielen Jahren durchführt. Das ist insofern wichtig, als JetBrains selbst keinen der Spitzenreiter verkauft. Die Firma hat also kein offensichtliches Interesse daran, dass ausgerechnet Claude Code oder GitHub Copilot vorne liegt.
Was ist ein Coding-Agent — kurz und ohne Fachchinesisch
Hier lohnt sich eine Unterscheidung, die in der Berichterstattung gern untergeht. Die erste Generation von KI-Werkzeugen für Programmierer war im Kern eine bessere Autovervollständigung: Man tippt an, das Werkzeug schlägt die nächsten Zeilen vor.
Ein Agent ist etwas anderes. Man beschreibt ihm ein Ziel — etwa „bau mir ein Kontaktformular, das die Anfragen in unsere Datenbank schreibt“ — und er arbeitet die Schritte selbstständig ab: Dateien öffnen, Code schreiben, ausführen, Fehler ansehen, korrigieren. Der Mensch prüft am Ende das Ergebnis, statt jeden Zwischenschritt selbst zu machen. Genau dieser Sprung von „schlägt vor“ zu „macht“ ist das, was die Zahlen gerade nach oben treibt.
Die Rangfolge — und wie schnell sie sich dreht
- Claude Code (Anthropic): 39 Prozent — ein Plus von 21 Prozentpunkten gegenüber Januar. In den USA sogar 47 Prozent.
- GitHub Copilot (Microsoft): 21 Prozent — im Vorjahr waren es noch 29 Prozent.
- OpenAI Codex: 16 Prozent, kommend von 3 Prozent.
Bekannt sind alle drei ähnlich gut: Claude Code und Copilot liegen bei je 79 Prozent Bekanntheit, Cursor bei 75. Der Unterschied liegt nicht am Namen, sondern daran, womit die Leute tatsächlich arbeiten.
Was wir davon halten
Ehrlich gesagt hat mich nicht die Spitzenposition überrascht — wir arbeiten selbst täglich mit Claude Code, insofern kennen wir den Unterschied zum Vorjahr aus erster Hand. Überrascht hat mich das Tempo. Ein etabliertes Werkzeug wie GitHub Copilot verliert binnen zwölf Monaten acht Prozentpunkte, ein Herausforderer verdoppelt sich in sechs Monaten. So etwas sieht man in gewachsenen Software-Märkten selten.
Meine Einschätzung dazu: Genau deshalb würde ich mich als Unternehmen an dieser Stelle nicht langfristig festlegen. Wer heute einen Fünfjahresvertrag über ein bestimmtes KI-Werkzeug unterschreibt, wettet auf einen Markt, der sich alle sechs Monate neu sortiert. Kurze Laufzeiten, austauschbare Werkzeuge, Daten im eigenen Haus — das ist unser Rat aus der Praxis, und er gilt hier besonders.
Und wenn wir gar nicht programmieren?
Ein berechtigter Einwand. Trotzdem sind aus meiner Sicht drei Punkte relevant.
1. Ihre Software wird heute schon mit KI gebaut
Wenn Sie eine Website, einen Shop oder eine Branchenlösung beauftragen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein KI-Agent daran mitgearbeitet hat. Das ist kein Makel — es ist inzwischen Normalzustand, und in vielen Fällen wird der Code dadurch sogar besser getestet. Die sinnvolle Frage an den Dienstleister lautet deshalb nicht „nutzt ihr KI?“, sondern: Wer prüft das Ergebnis, und wie?
2. Die Softwarebranche ist der Vorlaufindikator
Was dort zuerst zum Standard wird, kommt erfahrungsgemäß ein bis zwei Jahre später im kaufmännischen Alltag an. Dieselbe Art von Werkzeug, die heute Programmcode abarbeitet, sortiert morgen Eingangsrechnungen, pflegt Stammdaten oder erstellt Angebote aus einer E-Mail-Anfrage. Wer jetzt beobachtet, wie Entwicklerteams damit umgehen, spart sich später eigene Lehrgeld-Runden.
3. Der Engpass verschiebt sich
Wenn das Schreiben schneller geht, wird das Prüfen zum Flaschenhals. Das ist die interessanteste Lehre aus den Zahlen — und sie gilt eins zu eins für den Bürobereich. Wer KI Texte, Angebote oder Auswertungen erstellen lässt, braucht keinen schnelleren Erzeuger, sondern einen klaren Prüfschritt.
Häufige Fragen
Bedeutet das, dass Programmierer überflüssig werden?
Danach sieht es nicht aus. Die Befragten nutzen die Werkzeuge, um mehr zu schaffen — nicht, um sich selbst zu ersetzen. Was sich ändert, ist der Schwerpunkt der Arbeit: weniger Tippen, mehr Entwerfen und Prüfen.
Sollten wir intern auch so ein Werkzeug einführen?
Wenn Sie eigene Entwicklung haben: ja, unbedingt ausprobieren. Wenn nicht, ist der bessere Einstieg ein KI-Assistent für Büroaufgaben. Die Coding-Agenten sind für Menschen gebaut, die Code lesen können.
Woran erkennt man, dass KI-Code ordentlich geprüft wurde?
An automatisierten Tests und einer nachvollziehbaren Versionsgeschichte. Beides sollte ein Dienstleister ohne Zögern zeigen können.
Unser Fazit
Neun von zehn — das ist der Punkt, an dem eine Technik aufhört, ein Trend zu sein. Für uns bei Media Nord ist die Umfrage vor allem ein Zeitstempel: Die Frage lautet nicht mehr, ob KI-Agenten Arbeit übernehmen, sondern wie gut man das Ergebnis kontrolliert. Und diese Frage stellt sich in einem Handwerksbetrieb mit acht Leuten genauso wie in einem Entwicklerteam.
Quellen
- https://www.heise.de/news/JetBrains-Umfrage-Claude-Code-ist-der-beliebteste-Coding-Agent-11419051.html
- https://blog.jetbrains.com/research/2026/08/ai-coding-agent-adoption-2026/
- https://blog.jetbrains.com/research/2026/04/which-ai-coding-tools-do-developers-actually-use-at-work/
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