Mir ist diese Woche eine Meldung untergekommen, bei der ich zweimal hingeschaut habe: ChatGPT bekommt ein Gedächtnis für das, was auf dem eigenen Rechner passiert. OpenAI hat die Funktion am 13. August 2026 in den Produkt-Changelog geschrieben, sie heißt Computer History und läuft vorerst nur in der Desktop-App für macOS. Wir bei Media Nord schauen uns solche Funktionen immer aus einem Blickwinkel an: Was heißt das für einen ganz normalen Betrieb mit zehn, zwanzig oder fünfzig Leuten?

Was ist Computer History überhaupt?

Kurz gesagt: eine Mitschrift dessen, was Sie am Mac tun. Die Funktion registriert, welche Programme und Webseiten Sie öffnen, welche Tastenkürzel Sie benutzen und welche Texte Sie schreiben. Daraus baut ChatGPT in regelmäßigen Abständen kurze Textzusammenfassungen — das sind dann die eigentlichen „Erinnerungen“, auf die der Assistent später zugreifen kann. Zusätzlich entsteht eine durchsuchbare Zeitleiste Ihres Arbeitstages.

Technisch interessant: Es werden keine Screenshots gemacht. OpenAI zapft stattdessen die Bedienungshilfen von macOS an — das ist die Systemschnittstelle, über die zum Beispiel auch Vorlesefunktionen arbeiten. Das ist datensparsamer als ein Bildschirmmitschnitt, aber es ist trotzdem eine ziemlich vollständige Aufzeichnung Ihres Arbeitens.

Warum baut OpenAI so etwas?

Das Ziel ist Automatisierung. Wenn der Assistent merkt, dass Sie jeden Montagmorgen dieselben vier Schritte machen — Tabelle öffnen, Zahlen aus dem Kassensystem übertragen, PDF bauen, Mail rausschicken —, dann kann er anbieten, daraus eine feste Routine zu machen. Aus „ich helfe dir bei der Frage, die du gerade tippst“ wird „ich kenne deinen Arbeitsalltag und schlage dir vor, ihn abzukürzen“. Das ist der eigentliche Sprung.

Wie ist der Datenschutz geregelt?

Hier hat OpenAI ehrlich gesagt mehr Sorgfalt walten lassen, als ich erwartet hätte. Drei Punkte sind entscheidend:

  • Standardmäßig aus. Die Funktion ist opt-in. Niemand bekommt sie ungefragt aktiviert.
  • Zwei Schlösser im Unternehmen. In Business- und Enterprise-Konten muss erst ein Administrator die Funktion überhaupt freigeben. Danach entscheidet jedes Teammitglied noch einmal selbst, ob es mitmacht.
  • Kurze Aufbewahrung, lokal. Die erfassten Rohdaten liegen in einem abgeschotteten Bereich auf dem Mac und werden nach spätestens 48 Stunden automatisch gelöscht.

Der Start läuft global für Pro-, Business- und Enterprise-Konten. Für den Europäischen Wirtschaftsraum, die Schweiz und Großbritannien soll die Funktion in den kommenden Wochen nachgereicht werden — hierzulande haben Sie also noch etwas Vorlauf.

Was wir davon halten

Ehrlich gesagt halte ich die Funktion für nützlich und heikel zugleich, und beides gleichzeitig. Nützlich, weil der größte Zeitfresser in kleinen Betrieben selten die einzelne schwierige Aufgabe ist, sondern die vielen kleinen Wiederholungen. Genau die sieht Computer History.

Heikel, weil eine Aufzeichnung des Arbeitsalltags eben auch eine Aufzeichnung des Arbeitsalltags anderer Menschen ist. Wer im Kundenservice arbeitet, tippt den ganzen Tag fremde Namen, Adressen und Beschwerden. Wer in der Buchhaltung sitzt, tippt Kontodaten. Dass die Rohdaten nach 48 Stunden verschwinden, ist gut — die daraus gebauten Zusammenfassungen bleiben aber.

Unser Tipp aus der Praxis: Bevor jemand bei Ihnen den Schalter umlegt, klären Sie drei Fragen. Erstens — auf welchen Geräten darf die Funktion überhaupt an sein? Zweitens — welche Programme sind tabu, weil dort Kundendaten oder Personaldaten laufen? Drittens — weiß der Betriebsrat oder die Mitarbeitervertretung Bescheid? Das sind zwanzig Minuten Aufwand, die Ihnen später eine unangenehme Diskussion ersparen.

Häufige Fragen

Muss ich als Chef etwas tun, damit die Funktion nicht heimlich läuft?

Nein. In Business- und Enterprise-Workspaces bleibt sie gesperrt, solange kein Administrator sie freigibt. Aktives Handeln ist nur nötig, wenn Sie sie haben wollen.

Gilt das auch für Windows-Rechner?

Aktuell nicht. Computer History startet ausschließlich in der macOS-Desktop-App.

Ist das dasselbe wie Windows Recall?

Ähnlich in der Idee, anders in der Umsetzung. Recall arbeitet mit regelmäßigen Bildschirmfotos, Computer History mit Bedienungs-Ereignissen und Texten. Beide zielen darauf, dass der Assistent Ihren Verlauf kennt.

Brauche ich das als kleiner Betrieb überhaupt?

Nicht zwingend. Wenn Sie ChatGPT bisher nur für Texte und Recherche nutzen, bringt Ihnen die Funktion wenig. Interessant wird sie erst, wenn Sie ernsthaft wiederkehrende Abläufe automatisieren wollen.

Wir behalten die europäische Freigabe im Auge und melden uns, wenn die Funktion hier verfügbar ist — dann auch mit einer Einschätzung, wie sie sich im Alltag wirklich schlägt.

Quellen


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