Mir ist diese Woche eine Meldung untergekommen, bei der ich zweimal hinschauen musste. Eine der größten KI-Firmen der Welt hat über Monate hinweg gebrauchte Bücher palettenweise eingekauft — und sie nach dem Digitalisieren vernichtet. Nicht ein paar hundert. Millionen. Intern lief das unter dem Namen Project Panama.

Wer ist Anthropic überhaupt?

Kurz für alle, die den Namen noch nicht gehört haben: Anthropic ist das Unternehmen hinter der KI Claude — einer der direkten Konkurrenten von ChatGPT. Gegründet von ehemaligen OpenAI-Leuten, seit Jahren einer der Großen im Feld. Wir arbeiten selbst regelmäßig mit Claude, insofern ist das für uns keine ferne Konzernmeldung, sondern ein Werkzeug aus dem eigenen Alltag.

Was ist passiert?

Anfang 2024 suchte Anthropic laut Gerichtsunterlagen einen Dienstleister, der binnen sechs Monaten zwischen 500.000 und zwei Millionen Bücher verarbeiten sollte. Das Verfahren nennt sich destruktives Scannen und funktioniert so: Eine hydraulische Schneidevorrichtung trennt die Bindung ab, aus dem gebundenen Buch wird ein loser Stapel Einzelseiten. Diese Seiten laufen durch einen Industriescanner — deutlich schneller und sauberer, als wenn man ein aufgeschlagenes Buch von oben abfotografiert. Danach werden die Originale entsorgt. In der Spitze entsprach das rund 11.000 Büchern pro Tag.

Bezogen wurden die Bücher unter anderem über große Gebrauchtbuchhändler wie Better World Books und World of Books — also auch aus europäischen Beständen.

Warum tut man das?

Das ist die eigentlich spannende Frage. KI-Modelle lernen Sprache aus Texten. Das Internet ist zwar riesig, aber ein großer Teil davon ist eben auch: schnell hingeschrieben, unlektoriert, wiederholt. Anthropic suchte gezielt nach dem Gegenteil — nach Büchern, die es online gar nicht gibt, weil sie nie digitalisiert wurden. Lektoriert, durchdacht, sprachlich sauber. Das Ziel war, so steht es sinngemäß in den Unterlagen, dem Modell beizubringen, wie man gut schreibt.

Das ergibt Sinn, wenn man einmal darüber nachdenkt. Und genau deshalb finde ich die Geschichte so aufschlussreich: Sie zeigt, wie hart der Wettbewerb um wirklich hochwertiges Textmaterial inzwischen geworden ist.

War das überhaupt erlaubt?

Hier wird es für viele überraschend. Ein US-Bundesrichter hat entschieden: Wer ein Buch legal kauft, es scannt und den Text zum Training verwendet, bewegt sich im Rahmen des amerikanischen Fair Use — grob übersetzt: einer gesetzlichen Ausnahme vom Urheberrecht. Das Zerschneiden und Wegwerfen des eigenen, bezahlten Exemplars ist rechtlich unproblematisch. Es fühlt sich falsch an, ist aber nicht verboten.

Teuer wurde für Anthropic etwas anderes: raubkopierte Bücher aus einschlägigen Sammlungen. Dafür steht ein Vergleich über 1,5 Milliarden US-Dollar an Autorinnen und Autoren im Raum — über den wir hier schon berichtet haben. Die Unterscheidung ist also klar: gekauft und gescannt war in Ordnung, geklaut nicht.

Was wir davon halten

Ehrlich gesagt bin ich zwiegespalten. Auf der rein sachlichen Ebene ist das ein sauberer Vorgang — Bücher kaufen, digitalisieren, daraus lernen. Bibliotheken machen das seit Jahrzehnten, nur langsamer. Was mich stört, ist der Satz aus der internen Planung, der jetzt in den Akten steht: Man wolle nicht, dass bekannt wird, dass man daran arbeitet.

Wenn ein Vorgehen rechtlich in Ordnung ist, muss man es nicht verstecken. Dass hier trotzdem Heimlichkeit eingeplant war, sagt mir: Den Beteiligten war klar, wie das öffentlich wirken würde. Und genau dieses Bauchgefühl — legal, aber unangenehm — begegnet uns bei KI-Themen gerade ständig.

Und was hat ein Handwerksbetrieb damit zu tun?

Mehr, als man denkt. Aus unserer Praxis heraus würde ich zwei Punkte mitnehmen.

1. Alles, was Sie veröffentlichen, ist Trainingsmaterial

Ihre Website, Ihr Blog, Ihre Ratgeberseiten, Ihre Produkttexte: Das alles wird von KI-Systemen gelesen und verarbeitet. Man kann das bedauern — oder man kann es nutzen. Wir raten inzwischen dazu, es zu nutzen: Wer klar, korrekt und mit echten Fakten über sein Fachgebiet schreibt, taucht auch in KI-Antworten auf, wenn jemand nach genau dieser Leistung fragt. Das ist die neue Version von Sichtbarkeit.

2. Klären Sie, was mit Ihren eigenen Inhalten passiert

Der weniger gemütliche Punkt. Wenn Sie Angebote, Kundenlisten, Verträge oder interne Unterlagen in ein KI-Werkzeug hochladen, sollten Sie wissen, was der Anbieter damit darf. Bei Geschäfts- und Team-Tarifen der großen Anbieter ist eine Nutzung zum Training in der Regel ausgeschlossen — bei kostenlosen Zugängen oft nicht. Das steht in den Nutzungsbedingungen, und es ist eine Viertelstunde Lesezeit, die sich lohnt. Unser Tipp aus der Praxis: eine kurze schriftliche Hausregel, welche Art von Dokumenten überhaupt in KI-Tools darf. Eine halbe Seite reicht.

Häufige Fragen

Ist Claude jetzt ein unseriöses Werkzeug?

Nein. Wir arbeiten weiter damit. Der beanstandete Teil betraf raubkopierte Bücher und ist mit einem Vergleich abgeschlossen; das eigentliche Scan-Programm war rechtlich zulässig. Man sollte nur wissen, wie diese Modelle entstehen.

Kann ich verhindern, dass meine Website fürs KI-Training genutzt wird?

Technisch lässt sich das über die Datei robots.txt und einzelne Anbieter-Kennungen steuern. Ehrlich gesagt halte ich das für die meisten kleinen Unternehmen für den falschen Weg: Sie sperren sich damit auch aus den KI-Antworten aus, in denen Sie eigentlich vorkommen wollen.

Betrifft das auch deutsche Verlage?

Die Bücher stammten unter anderem aus europäischen Gebrauchtbeständen. Rechtlich gilt in Deutschland allerdings nicht Fair Use, sondern das deutsche Urheberrecht mit einer engeren Ausnahme für Text- und Data-Mining. Das ist einer der Gründe, warum diese Verfahren in den USA geführt werden.

Unser Fazit

Project Panama ist keine Skandalgeschichte im klassischen Sinn — es ist ein Blick in den Maschinenraum. Millionen Bücher, ein Schneidegerät, ein Scanner, ein Container. So entsteht ein Teil dessen, was uns später als eloquente Antwort auf dem Bildschirm begegnet. Für uns bei Media Nord ist die Lehre eine sehr praktische: Inhalte sind Währung geworden. Wer gute Inhalte veröffentlicht, gewinnt Sichtbarkeit. Und wer eigene, sensible Inhalte hochlädt, sollte vorher wissen, wohin sie gehen.

Quellen


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Media-Nord.com UG Geschäftsführung
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